Aufgrund der bestehenden Nachfrage füge ich mich widerstrebend, über das Nachtleben zu berichten. Das Nachtleben in Kunming konzentriert sich auf die Studentencafés an der Yunnan University, auf den schrill-bunten Kundu Night Market und das Hump-over-the-Himalayas. Letzteres ist ein wildes neben-, über- und untereinander von Kneipen und Discos. Hier war ich mit Josef. Meistens gibt es in den Discos eine "Performance": Musik im Hong-Kong-Pop-Stil, Tanz, Sketche, Auktionen und ähnliche Animationen.

Höhepunkt meines Discobesuchs war eine Michael-Jackson-Imitation. Die Besucher sitzen an Tischen, man bestellt Bier in "half dozens". Josef bestellt zu meinem blanken Entsetzen drei "half dozens".

Im Laufe des Abends haben wir immer mehr Tischgäste, die zu meinen Ehren Bier ganbei (kampei in alter Umschrift, Glas muß leer getrunken werden) anstoßen. Da die Chinesen nicht viel Alkohol vertragen, liegen sie bald unter oder auf dem Tisch und schlafen. Josef ist sehr glücklich, mir so einen schönen Abend geboten zu haben. Ich zwinge mich zu einem schmerzhaften Lächeln, und bin sehr glücklich, als die Pein vorbei ist.
Der Kundu Night Market, den ich gestern alleine abgelaufen bin, ist ebenfalls für den westlichen Geschmack weitgehend ungenießbar. Die Discos spielen hämmernden China-Techno, die Männer tanzen oben-ohne. Auf den Straße werden Kebabs gegrillt und gebrutzelt.
Im Studentenviertel geht es etwas geruhsamer zu, und es gibt auch westliches Publikum. Die "Speak Easy"-Bar veranstaltet eine Billard-Competition zu Reggae-Musik. Eine traurige Chinesin setzt sich zu mir an die Bar und erzählt mit Grabesstimme, daß die Bar und das Trinken ihre einzige Freuden sind. Dann bittet sie mich, ihr Bier zu bewachen und geht Essen. Ich tausche mich mit einem freundlichen Australier aus, bis die Chinesin wieder vom Essen zurückkommt und ich sie ihrem Bier überlassen kann. Danach gerate ich in eine Gesellschaft völlig betrunkener Soldaten, die viel Spaß an meinem miserablem Chinesisch haben. Zeit die Flucht zu ergreifen ...


