Während die Prozession ihren Weg zum Besakih-Tempel nimmt, erzähle ich nebenher über die balinesische Kultur und Geschichte.
Die Welt der Balinesen ist die Insel Bali. Alles darüberhinaus, ob Java, Indonesien oder Asien, gehört nicht zu dieser Welt. Es sind schlichtweg andere, fremde Welten.
Bali ist etwas mehr als doppelt so groß wie das Saarland und mit über 3 Millionen Einwohnern sehr dicht besiedelt. Im Landesinneren Balis liegen aktive Vulkane. Der höchste Vulkan der Insel ist der 3000 Meter hohe Mount Agung, an dem der heiligste aller Tempel, der Tempel von Besakih, liegt. Das Gebirge und die Höhe ist die Sphäre der guten Götter, wohingegen das Meer die Dämonen und bösen Geister beherbergt (die Balinesen meiden den Strand und können meistens nicht schwimmen).
Dazwischen, in der Mitte, liegt die Sphäre der Menschen.
Die Kultur Balis ist keinesfalls homogen, ganz im Gegenteil. Jede Dorfgemeinschaft hat eigene Gesetze und Rituale. Viele Dörfer in den Bergen gehen noch auf die vorhinduistische Zeit zurück, und die Klassen ihrer archaische Feudalgesellschaft sind bis heute nicht vollständig in das hinduistische Kastensystem integriert.
Von der archaischen Gesellschaft wird berichtet, daß sie kannibalistische Praktiken kannte. Folgende Geschichte ist überliefert. Ein Dorf opferte und verspeiste seine alten Männer regelmäßig bis eines Tages keine alten Männer mehr dort lebten. Als nun der Dorfrat zusammenkam, um den Wiederaufbau eines von einem Erdbeben zerstörten Tempels zu diskutieren, stellte man fest, daß die alten Männer bereits schöne Holzpfeiler für den Tempel hergestellt hatten.
Nun ist aber religiöse Pflicht, daß der Holzpfeiler vertikal so aufgestellt wird, wie der Baum gewachsen ist, von dem das Holz stammt. Aber keiner konnte sagen, wie man an den Pfeilern feststellen kann, wo oben und wo unten ist.
Nach langem Schweigen trat schließlich ein junger Mann vor und sagte, er habe eine Lösung, bestehe aber darauf, daß von jetzt an nie wieder alte Männer geopfert und verspeist werden. Der Dorfrat willigte ein. Der junge Mann führte sie daraufhin zu einer Hütte, in der er seinen Großvater vor den Opferungen versteckt hatte, und der Großvater konnte den Dorfbewohnern zeigen, wie herum sie die Pfeiler aufstellen müssen.
Die ältesten Bauten des Tempels gehen auf das 8. Jahrhundert nach Christus zurück. Der Hinduismus selbst ist etwa 100 v.Chr. nach Bali gekommen.
Die Statuen neben der Treppe stammen aus dem 10. Jahrhundert.
Als um 1500 die Muslims Java und das dortige Königreich Majapahit überrannten, floh die Hindu-Elite, die Fürsten, Priester, mit Handwerkern, Künstern und Musikern nach Bali. Bali ist gut geschützt und schwer zugänglich vom Meer, da es keine natürlichen Häfen besitzt, sondern nur hohe Kliffs und sehr flach abfallende Strände. Dazu kommen stark ausgeprägte Gezeiten. Der erste Hafen wurde von den Holländern angelegt, und bis heute sind die hiesigen Fischer Muslims.
Die Holländer versuchten Mitte des 19. Jahrhundert Kontrolle über Bali zu erlangen, verzweifelten aber am erbitterten Widerstand der Bevölkerung, so daß Bali halbwegs autonom blieb. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Bali Teil Indonesiens.
Im Besakih-Tempel werden die hinduistischen Gottheiten Brahma, Shiva und Vishnu verehrt. Man findet dort aber weder Statuen noch Bilder der Götter.
Auch das T-Shirt des Mädchen zeigt keineswegs die drei Hindu-Gottheiten!
Nun sind wir endlich im Hof des Tempels bei der Zeremonie angelangt. Unter dem kleinen Dach sieht man den "Assistenzpriester", der das Ritual vollzieht.
Die Tempel sind aus schwarzem, feinporösem Vulkangestein und Holz gebaut und mit dunklen Kokosfasern gedeckt. Kokosfasern halten bis zu 50 Jahre, während die helleren Dächern aus Bambusfasern bereits nach zehn Jahren erneuert werden müssen.
Ein abschließender Blick über die Dächer des Besakih-Tempels.

























