In drei Stunden mit der China Eastern Airlines aus dem Jahr 1960 ins Jahr 2010: Auf Wiedersehen Kunming, willkommen Singapur!
Singapur ist der Inbegriff der sauberen, aufgeräumten, modernen Metropole. Junge, polyglotte, gutaussehende Geschäftsfrauen und -männer bevölkern elegante Coffee Shops und Shopping Malls. Freundliche Einheimische bieten ihre Hilfe an, sobald man seinen Stadtplan auffaltet. Blank gewienerte Limousinen auf den breiten Boulevards beachten peinlich genau die Verkehrsregeln, und dem Fußgänger am Zebrastreifen wird höflich Vorfahrt gewährt.

Zu meinem Erstaunen spricht man hier exzellentes Englisch und Hochchinesisch. Ich hatte eher eine Mischung aus Pidgin und Kantonesisch erwartet. Der Taxifahrer erklärt, daß hier "Mandarin" gesprochen wird, und nicht etwa der häßliche Pekinger Dialekt mit den typischen, auf amerikanische Art gerollten er-Suffixen. Das Preisleistungverhältnis im Hotel ist hervorragend, das Frühstücksbuffet offeriert sogar Unagi (Aal mit Honig gebraten), eine meiner Lieblingsspeisen.
Der Kapitalismus Singapurs ist sehr verschieden von dem Chinas. In der schon lange nur noch formell sozialistischen Volksrepublik China ist, ähnlich wie in den USA, jeder einzelne ein multiples Profitcenter im Überlebenskampf. In den Hotels beispielsweise erhält man häufig einen Freibeitrag für Restaurants, Wäsche und andere Einrichtungen wie Fitness Center und Massage. Diese werden alle separat abgerechnet und konkurrieren hart untereinander. Meine Vermutung ist, daß in einem chinesischen Hotel jeder Mitarbeiter erfolgsbezogen bezahlt wird. Der Kapitalismus Singapurs hingegen ist patriarchalisch, autoritär und kolonial. Überspitzt formuliert, gibt es folgende Arbeitsteilung zwischen den hiesigen Volksgruppen: Die Chinesen haben den Geschäftssinn und das Organisationstalent, die Inder das Gespür für Dienstleistungsqualität (die man in China schmerzhaft vermißt), die Europäer liefern das Know How, und die Malayen übernehmen die harte Arbeit. Der Stadtstaat Singapur profitiert davon, seine Grenzen selektiv für malayische Arbeitskräfte öffnen zu können, um einerseits die Lohnkosten niedrig zu halten, anderseits höhere Arbeitslosigkeit auf dem eigenen Territorium zu verhindern. Rechtzeitig hat man erkannt, daß man sich vom Niedriglohnstandort zum Anbieter hochwertiger Dienstleistungen in den Bereich Handel, Finanzen, Transport weiterentwickeln muß. Dies scheint gut gelungen.